Manche Pflanzen erzählen uns mehr als ihre Inhaltsstoffe. Sie tragen Geschichten in sich, Erinnerungen vergangener Zeiten und laden uns ein, einen Moment stehen zu bleiben. Die Wegwarte ist für mich eine dieser Pflanzen.
Eine Frau, die am Wegesrand wartete
Es gibt eine alte Sage, die mich tief berührt.
Sie erzählt von einer jungen Frau, die jeden Tag am Wegesrand auf ihren Geliebten wartete. Vielleicht war er in den Krieg gezogen. Vielleicht auf einer langen Reise. Niemand weiß es genau.
Tag für Tag kehrte sie an denselben Ort zurück. Die Jahreszeiten vergingen, doch ihre Hoffnung blieb.
Schließlich verwandelte sie sich – so erzählt die Sage – in eine Pflanze.
Seitdem wächst die Wegwarte an Wegen und Straßen. Mit ihren himmelblauen Blüten scheint sie den Blick den Vorübergehenden zuzuwenden, als würde sie noch immer Ausschau halten.
Ob diese Geschichte wahr ist?
Wahrscheinlich nicht.
Und doch erzählt sie etwas Wahres über die Wirkung dieser Pflanze auf uns Menschen.
Wie meine Pflanzengefährtin entstand
Ich wohne in der Nähe einer Hauptstraße und in diesem Jahr wächst die Wegwarte von dort aus, bis auf unseren kleinen Weg hinein und winkt mir zu. Bei jedem Vorbeigehen dachte ich wieder an diese Sage, die mich immer ein bisschen traurig gestimmt hat. Ich blieb stehen, betrachtete ihre zarten blauen Blüten und ihren aufrechten Wuchs am Wegrand. Ein bisschen musste ich auch schmunzeln weil meine geliebten Schlappen die gleiche Farbe wie ihre Blüten haben.
Noch bevor ich zu Hause war, entstand vor meinem inneren Auge ihre Pflanzengefährtin.
Sie blickt hoffnungsvoll nach oben. Als würde sie daran erinnern, dass sich Geduld, Vertrauen und Treue zum eigenen Weg lohnen.
So entstehen meine Pflanzengefährtinnen: nicht aus Fantasie allein, sondern aus der Begegnung mit einer Pflanze und dem, was sie in mir zum Klingen bringt.
Die Wegwarte als Kaffeeersatz
Vor einigen Wochen durfte ich unser Heimatmuseum im Ort besuchen. Dort sind viele Gegenstände und Erinnerungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gesammelt. Auch die Wegwarte hängt dort getrocknet als Erinnerungsstück. Sie war über viele Generationen hinweg eine wertvolle Nutzpflanze. Besonders ihre kräftige Pfahlwurzel wurde geröstet und gemahlen. Daraus entstand ein Getränk, das als Kaffeeersatz diente – die sogenannte Zichorie. In Zeiten, in denen echter Kaffee kaum erhältlich oder für viele Menschen unerschwinglich war, griff man auf heimische Pflanzen zurück. So trank man gerne den Zichorienkaffee (den es auch heute noch zu kaufen gibt).
Die Wegwarte wurde dadurch zu einer Pflanze, die nicht nur am Wegesrand wuchs, sondern auch den Alltag vieler Familien begleitete.
Wenn ich heute an einer Wegwarte vorbeigehe, sehe ich deshalb nicht nur ihre blauen Blüten.
Ich denke an die Menschen, die aus ihrer Wurzel einen einfachen Kaffeeersatz zubereiteten. An Zeiten des Mangels. An Einfallsreichtum. Und daran, wie eng unser Leben früher mit den Pflanzen unserer Heimat verbunden war.

Pflanzen wirklich kennenlernen
Je mehr ich mich mit Pflanzen beschäftige, desto mehr wird mir immer wieder bewusst: Eine Pflanze besteht nicht nur aus botanischen Merkmalen oder Heilwirkungen. Sie lebt in unseren Geschichten, in Erinnerungen und alten Bräuchen.
In den Erfahrungen der Menschen. Und genau deshalb liebe ich es, sie in meiner Materia Medica festzuhalten. Nicht nur mit Fakten.
Sondern mit Zeichnungen, Gedanken, Erlebnissen und kleinen Begegnungen. Denn ich glaube, dass wir Pflanzen erst dann wirklich kennenlernen, wenn wir ein Band knüpfen. Vielleicht wartet die Wegwarte gar nicht auf ihren Geliebten.
Vielleicht wartet sie auf uns. Auf den einen Moment, in dem wir langsamer werden, stehen bleiben und sie wirklich sehen und in unserem Leben ankommen, im Hier und Jetzt.
🌿 Eine kleine Einladung
Wenn dir auf deinem nächsten Spaziergang eine Wegwarte begegnet, bleib doch einen Moment stehen. Schau dir ihre Blüten an.
Berühre vorsichtig ihre Blätter, die so überraschend Löwnzahnähnlich sind und dann auch wieder nicht.
Vielleicht erzählt sie dir eine ganz andere Geschichte als mir. Und genau darin liegt für mich das Wunder der Pflanzenbegegnung.
Alles Liebe,
Anke


